Archive bewahren nicht nur Akten. Sie sichern Arbeitsfähigkeit von Verwaltungen, ermöglichen Forschung, schützen Rechte und erzählen Geschichten. Wer sich für Ordnung mit Sinn, Quellenkompetenz und digitale Prozesse begeistert, findet hier ein Berufsfeld mit überraschend breitem Spektrum an Jobmöglichkeiten.
Zwischen staubigem Karton und Hightech-Langzeitarchivierung liegen heute oft nur ein paar Klicks. Genau darin liegen Chancen.
Berufsbild: Professionelle Quellenarbeit im Rücken der Gesellschaft
Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste mit Schwerpunkt Archiv, auch als archivalien bezeichnet, sind Spezialistinnen und Spezialisten für die gesamte Kette des Records Lifecycle. Von der Übernahme analoger und digitaler Unterlagen über Bewertung, Erschließung und Bestandserhaltung bis hin zur Bereitstellung im Lesesaal oder online deckt der Beruf alle operativen Felder ab.
Dazu gehört weit mehr als das korrekte Signieren und Verpacken. Ein moderner Arbeitsalltag umfasst:
- Beratung von abliefernden Stellen zur Aktenführung
- Mitwirkung bei der Einführung der E-Akte
- Digitale Übernahme, Prüfroutinen, Formatchecks
- Erstellen und Pflegen von Metadaten und Normdaten
- Benutzungsdienst, Aushebungen, Reproduktionen
- Öffentlichkeitsarbeit, Ausstellungen, Social Media
- Projektarbeit in Digitalisierung, Langzeitarchivierung und Zusammenarbeit mit Bildagenturen
Der Einstieg in die bewerbung erfolgt in der Regel über eine duale Ausbildung, die verschiedene ausbildungswege bietet. Beschäftigungsmöglichkeiten bieten Kommunal-, Landes- und Bundesarchive, Hochschularchive, Kirchenarchive, Wirtschaftsarchive, Stiftungen, Medienhäuser sowie Dienstleister im Kulturerbe- und Information-Management.
Arbeitsfelder heute: Analog, digital und alles dazwischen
In vielen Verwaltungen laufen noch analoge Altbestände parallel zu laufenden E-Akten. Wer beides beherrscht, ist gefragt.
- Analoge Bestände: Magazinierung, Restaurierungskoordination, konservatorische Maßnahmen, klassische Verzeichnung nach ISAD(G), EAD-Export.
- Digitale Bestände: Übernahmekonzepte, Ingest in OAIS-orientierte Systeme, METS/ALTO, datenbanken, PREMIS-Events, Prüfsummen, Formatstrategien wie PDF/A, TIFF, SIARD.
- Benutzung: Präsenzlesesaal, digitale Bereitstellung, IIIF-Viewer, Rechte- und Schutzfristenmanagement.
- Vermittlung: Ausstellungen, Blogbeiträge, Citizen-Science-Formate, HTR-Workflows mit Transkribus.
Wer Brücken baut zwischen Magazin und Server, schafft sofort Mehrwert.
Kompetenzen, die Türen öffnen
Fachliche Grundlagen bleiben die Basis: Aktenkunde, Bewertung, Erschließungslogik, Rechtssicherheit und berufliche Entwicklung. Dazu kommen digitale Fähigkeiten, die Karrieren beschleunigen.
- Rechtsrahmen: Archivgesetze, DSGVO, Urheberrecht, Informationsfreiheitsregeln, Schutzfristen.
- Standards und Metadaten: ISAD(G), EAD, EAC-CPF, PREMIS, METS, Dublin Core, GND-Anbindung.
- Digitale Langzeitarchivierung: OAIS, SIP/AIP/DIP, Prüfsummenprozesse, Bitstream- und Content Preservation, Migrationsstrategien.
- Records Management: Registraturrichtlinien, Aktenpläne, DMS-Schnittstellen, Verfahrensdokumentation, eIDAS-Kontexte.
- IT-Grundlagen: Dateiformate, XML, XSLT, Basis SQL, Skripting mit Python oder PowerShell, API-Verständnis, Git-gestütztes Arbeiten.
- Vermittlung: einfache Sprache für komplexe Sachverhalte, Workshop-Moderation, Social-Media-Redaktion.
- Projektarbeit: agile Methoden, Kanban, klare Rollen, belastbare Dokumentation.
Ein Mix aus Quellenkompetenz, Techniksouveränität und medien- und informationsdienste verbessert die Karrierechancen als Fachangestellter im Bereich Medien- und Informationsdienste - Archiv erheblich für jeden Fachangestellter, indem umfassende Informationen effizient genutzt werden.
Öffentlicher Dienst oder privatwirtschaftlicher Kontext
- Öffentlicher Dienst: klare Strukturen, verlässliche Tarifbindung, geregelte Arbeitszeiten, breites Aufgabenportfolio, langfristige Bestandsverantwortung.
- Privatwirtschaft und Dienstleister: projektorientiert, schnellere Wechsel, teils höhere Gehälter, Fokus auf Umsetzung und Effizienz, gute Lernkurve durch unterschiedliche Mandate.
Wer Sicherheit schätzt, startet gern kommunal oder auf Landesebene. Wer Vielfalt und Tempo sucht, findet bei Dienstleistern und in Unternehmensarchiven spannende Projekte.
Digitale Langzeitarchivierung als Karrierebooster
Langzeitarchivierung ist der Engpass, an dem sich Informationsflüsse entscheiden, und eine gezielte Ausbildung kann hier von Vorteil sein. Wer hier mitreden kann, wird frühzeitig in Projekte eingebunden.
Worauf es ankommt:
- OAIS in der Praxis: SIP-Struktur, AIP-Verwaltung, DIP-Erstellung für Benutzung sowie praktika zur konkretisierung der Prozesse.
- Tools im Blick: Archivematica, DIMAG, Rosetta, Goobi/Kitodo für medien Workflows, AtoM oder scopeArchiv für Verzeichnung, und Archivalien für den Zugang zu spezifischen Sammlungen.
- Formate und Strategien: PDF/A-Profile, TIFF/JP2, SIARD für Datenbanken, Normalisierung, Monitoring.
- Qualitätssicherung: Checksummenketten, JHOVE-Validierung, Fixity-Prüfungen, Protokolle nachprüfbar dokumentieren.
- Vertrauenswürdigkeit: Kriterienkataloge wie DIN 31644, nestor-Siegel, organisatorische und technische Maßnahmen verzahnen.
Ein FAMI oder fachangestellte/r, der SIPs automatisiert prüft, Metadaten fehlerrobust mappt und Prozesse sauber dokumentiert, wird schnell für einen fachangestellter unverzichtbar.
Schnittstellenarbeit mit IT und Fachämtern
Akten entstehen nicht im Archiv. Sie entstehen in Fachverfahren, Posteingängen, E-Mail-Servern und Datenbanken. Erfolgreiche Archive holen die Kolleginnen und Kollegen bereits bei der Aktenbildung ab.
- Workshops zur registraturgerechten Ablage und Aktenplänen
- Abstimmung von Aussonderungsläufen und Kassationslisten
- Übergabekonzepte für Fachverfahren und E-Mail-Archivierung
- Rollen- und Rechtekonzepte für Schutzfristen und personenbezogene Daten
- Change Management mit klaren Handreichungen und kurzen Lernvideos
Wer Fachsprache in Alltagssprache übersetzt, verhindert spätere Probleme und gewinnt Verbündete.
Abschlüsse und Fortbildungen, die sich auszahlen
Der direkte Aufstieg und bessere Jobmöglichkeiten führen oft über zusätzliche Qualifikationen und verschiedene Ausbildungen, die die berufliche Entwicklung unterstützen.
- Geprüfte Fachwirtin bzw. Geprüfter Fachwirt für Informationsdienste: stärkt Leitungskompetenz, Budgetverständnis und Projektsteuerung.
- Studium Archivwissenschaft oder Informationswissenschaft im Bachelor: eröffnet Laufbahnen im gehobenen Dienst, häufig dual möglich.
- Zertifikate: Records Management, Datenschutz, IT-Grundlagen, XML/XSLT, Python für Datenaufbereitung, OpenRefine, OCR/HTR-Workflows.
- Spezialisierungen: digitale Langzeitarchivierung, Bestandserhaltung, Urheber- und Bildrechte, bildagentur, Linked Open Data, informationsdienste.
Fortbildung gewinnt, wenn sie im Alltag verankert ist. Ein Kurs, der ein aktuelles Projekt direkt unterstützt und relevante Informationen bietet, zahlt doppelt.
Gehalt, Tarif und Entwicklungsspielräume
Tarifliche Einstufungen im öffentlichen Dienst bewegen sich für ausgebildete Fachkräfte häufig zwischen EG 5 und EG 8, was eine gute Ausbildung voraussetzt. Mit digitalem Profil, Projektverantwortung oder Spezialaufgaben sind EG 9a oder interne Zulagen möglich. Monatsgehälter bewegen sich je nach Land, Erfahrungsstufe und Aufgabenpaket etwa im Bereich von rund 2.700 bis über 3.900 Euro brutto. Projekt- oder Leitungsanteile können darüber hinausgehen.
Wichtiger als die Zahl ist die Stellenausschreibung: Je mehr eigenständige Verantwortung, Schnittstellenkompetenz und konzeptionelle Anteile, desto höher die Chance auf bessere Eingruppierung.
Bewerben und sichtbar werden
Passgenaue Unterlagen und eine professionelle Bewerbung zeigen die eigene Wirkung. Statt nur Aufgaben aufzuzählen, Ergebnisse nennen:
- Erschließungsprojekt mit 8.000 Aktenzeichen innerhalb von 6 Monaten abgeschlossen
- SIP-Validierung automatisiert, Fehlerquote um 70 Prozent gesenkt
- Lesesaalzufriedenheit durch neues Terminmanagement messbar gesteigert
- Social-Media-Reihe aufgebaut, Abonnements verdoppelt
Wer digitale Kompetenz betont, zeigt diese idealerweise mit Arbeitsproben:
- GitHub-Repository mit kleinen Skripten, z. B. für CSV-zu-EAD-Konvertierung
- Mini-Dokumentation einer Scankette inklusive Farbmanagement
- Screencast zur Übergabe aus einem DMS an das eArchiv
Ein schlanker, aussagekräftiger Online-Auftritt wirkt heute stärker als lange PDF-Anhänge.
Selbstständigkeit und projektbasierte Arbeit
Neben Festanstellungen gibt es Nischen für freie Tätigkeiten im Bereich medien- und informationsdienste:
- Erschließung und Projektverzeichnung
- Digitalisierung und Workflow-Beratung
- Transkription, HTR-Korrektur, Datenbereinigung
- Schulungen für Verwaltungen, Vereine, kleine Unternehmen
- Ausstellungskonzepte und Storytelling auf Basis von Archivmaterial
Wer verlässlich liefert und sauber dokumentiert, füllt seinen Kalender vor allem über Empfehlungen.
Internationale Optionen und Standards
Archive sprechen weltweit eine ähnliche Fachsprache. Wer Standards beherrscht, kann grenzüberschreitend arbeiten.
- EAD/EAC-CPF für strukturierte Beschreibungen
- OAI-PMH für Schnittstellen
- IIIF für Bildbereitstellung
- Englisch auf Projektniveau, Fachtermini sicher
Unternehmensarchive internationaler Firmen schätzen Praktikerinnen und Praktiker, die durch ihre Ausbildung ordnen, dokumentieren und liefern.
Drei beispielhafte Entwicklungswege
- Die Digital-Enthusiastin
- Start im Kommunalarchiv, Schwerpunkt Erschließung
- Fortbildung XML/XSLT, Einstieg in AtoM-Administration
- Projektleitung für EAD-Migration, später LZA-Koordination
- Wechsel in Landesarchiv mit EG 9a und Teamverantwortung
- Der Vermittler
- Ausbildung mit Fokus Benutzung und Ausstellungen, verschiedene Ausbildungswege berücksichtigen
- Social Media, Medien und Citizen-Science-Projekte aufgebaut
- Öffentlichkeitsarbeit professionalisiert, Fördermittel eingeworben
- Leitung Besucherkommunikation und Services im Stadtarchiv
- Der Records-Spezialist
- Einstieg im Wirtschaftsarchiv, Aktenpläne und DMS
- Zertifikat Records Management, Schulung von Fachbereichen
- Übernahme Compliance-Projekte, Auditvorbereitung
- Wechsel in Konzernumfeld, Schnittstelle Recht und IT
Keiner dieser Wege ist exklusiv. Praktika und Mischformen sind üblich und wertvoll.
Werkzeuge, die man beherrschen sollte
- Erschließung und Präsentation: AtoM, scopeArchiv, Augias, FAUST, ArchivesSpace
- Digitalisierung: Goobi, Kitodo, Farbziele, OCR/HTR mit ABBYY oder Transkribus
- Langzeitarchivierung: Archivematica, DIMAG, Rosetta, Fixity-Tools, JHOVE
- Daten und Scripting: OpenRefine, Python, XSLT, einfache SQL-Queries
- Kollaboration: Git, Ticketsysteme, Kanban-Boards, Office- und PDF-Tools
- Web und Vermittlung: CMS-Grundlagen, IIIF-Viewer, Bildagenturen sowie medien wie bildagentur nutzen für einfache Bildbearbeitung
Ein klarer Werkzeugkasten schafft Tempo in Projekten und Vertrauen bei Stakeholdern.
Stellenausschreibungen lesen und richtig einordnen
Typische Signalwörter wie 'bewerbung' deuten auf die inhaltlichen Schwerpunkte:
- E-Akte, DMS, Schnittstellen, Ingest: digitaler Fokus mit IT-Nähe
- Magazin, Bestandserhaltung, Verpackung: konservatorische Stärke
- Benutzung, Öffentlichkeitsarbeit, Vermittlung: Service und Kommunikation
- Bewertung, Kassation, Retention Schedules: konzeptionelles Arbeiten
Kriterien wie Belastbarkeit und Teamfähigkeit sind Standard. Konkrete Praxisbeispiele im Anschreiben belegen diese Punkte besser als Floskeln.
Netzwerke und Ressourcen
- VdA – Fachgruppen, regionale Treffen, Tagungen und Podcasts
- nestor-Netzwerk – Publikationen, Kriterien, Fortbildungen zur Langzeitarchivierung
- OpenGLAM, Coding da Vinci – Projekte an der Schnittstelle von Kultur und Tech, die wertvolle Informationen liefern
- Archive auf Mastodon und anderen Plattformen – Austausch, Stellenhinweise, Micro-Learning bieten neue jobmöglichkeiten
- Hochschulangebote der Archivschule Marburg und der Hochschule Potsdam – vertiefende Module, Zertifikate
Ein gutes Netzwerk, das Archivalien berücksichtigt, unterstützt die berufliche Entwicklung und löst Probleme, bevor sie entstehen.
Ausblick: Fünf Trends mit starkem Einfluss
- Flächendeckende E-Akte: Übergabeprozesse werden zur Kernkompetenz, Automatisierung spart Zeit, erfordert aber saubere Regeln.
- HTR in der Praxis: Benutzung gewinnt durch durchsuchbare Handschriften, Qualitätskontrolle bleibt menschliche Aufgabe.
- Datenschutz und Informationsfreiheit: Abwägungskompetenz wird entscheidend, Tools unterstützen, ersetzen aber nicht Urteilsvermögen.
- Linked Open Data: Normdaten und offene Schnittstellen vernetzen Archive mit Museen und Bibliotheken, Sichtbarkeit steigt.
- Nachhaltige IT: Speicherpolitik, Formatauswahl und Lebenszyklen werden unter ökologischen Gesichtspunkten bewertet.
Wer jetzt Kompetenz aufbaut, prägt die Standards von morgen aktiv mit.

