Studium mit Handicap

Menschen mit Behinderungen sollen ohne Diskriminierung und gleichberechtigt mit anderen Zugang zu allgemeiner Hochschulbildung und lebenslangem Lernen haben. Darauf verpflichtet die UN-Behindertenrechtskonvention die Vertragsstaaten. Doch noch immer erschweren bauliche, kommunikative, strukturelle und didaktische Barrieren das Studium beeinträchtigter Studenten. Hochschulen und Studentenwerke haben sich deshalb mit Beschlüssen ihrer jeweiligen Mitgliederversammlungen auf Maßnahmen zum Abbau von Barrieren und zur Gestaltung angemessener Vorkehrungen in ihrem Verantwortungsbereich verständigt. Gemeinsames Ziel ist es, chancengerechte Zugangs- und Studienbedingungen für Studenten mit Beeinträchtigungen zu realisieren.

Immerhin rund 11 Prozent der Studenten haben ein Handicap. Und dazu zählen auch chronische oder psychische Erkrankungen, Teilleistungsstörungen wie Legasthenie, Autismus sowie Sinnes- und Bewegungsbeeinträchtigungen. Zu dieser Gruppe gehören insbesondere Studenten mit:

  • Mobilitätsbeeinträchtigungen
  • Sehbeeinträchtigungen
  • Hörbeeinträchtigungen
  • Sprechbeeinträchtigungen
  • Psychischen Erkrankungen (z. B. Essstörungen, Depressionen)
  • Chronischen Krankheiten (z. B. Rheuma, Morbus Crohn oder Diabetes)
  • Legasthenie und andere Teilleistungsstörungen
  • Autismus und AD(H)S

Eine bundesweite Umfrage des Deutschen Studentenwerks „beeinträchtigt studieren“ hat gezeigt, dass viele der Studenten mit Beeinträchtigungen ihre Recht oft gar nicht kennen und deshalb die vorhandenen Unterstützungsangebote nicht nutzen. Dies betrifft das Instrument des Nachteilsausgleichs bei der Studienorganisation oder in Prüfungen ebenso wie die spezifischen Beratungsangebote der Hochschulen. Schließlich gibt es an fast in allen Hochschulen und in vielen Studentenwerken spezielle Beauftragte für Studenten mit Handicap, die gezielt informieren und individuell unterstützen können. Dort weiß man auch, wie sich die jeweilige Einschränkung mit den Studienmöglichkeiten vor Ort am besten vereinbaren lässt.

Ungeachtet dessen ist eines klar: Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen brauchen naturgemäß länger, um den für sie am besten geeigneten Studienplatz zu finden, weil sie auch noch abklären müssen, ob sie an einem fremden Ort eine geeignete Wohnung finden und ohne ihr gewohntes oft Unterstützungsnetzwerk klar kommen. Ferner ist für manche abzuklären, ob es die notwendige Pflege, technische Lernhilfen, Vorleser, Tutor, Gebärdensprachdolmetscher oder andere studienbegleitende Hilfen gibt.

 

Wer hingegen nicht umziehen kann oder möchte, muss den Kopf nicht in den Sand stecken, denn es gibt natürlich jederzeit die Möglichkeit, ein Fernstudium zu absolvieren. 

(Hinweis auf Fernstudium)

 

Nachteilsausgleich

 

Viele Studenten mit Behinderungen und chronischen Krankheiten können die Leistungsnachweise nicht in der vorgegebenen Weise oder im vorgesehenen Zeitrahmen erbringen, sie haben deshalb einen gesetzlich verankerten An­spruch auf Nachteilsausgleiche im Studium und bei Prüfungen. Diese müssen immer individuell und situationsbezogen verabredet werden, verbindliche Vorgaben kann es daher nicht geben. Aber: Die Inanspruchnahme von Nachteilsausgleichen darf nicht im Zeugnis vermerkt werden.

Eine beglaubigte gesundheitliche Beeinträchtigung oder amtlich festgestellte Behin­derung allein begründet allerdings noch keinen Anspruch auf Nachteilsausgleich. Es kommt entscheidend darauf an, wie sich die Beeinträchtigung oder Behinderung im Studium auswirkt. Neben dem Nachweis der länger andauernden gesundheitlichen Beeinträch­tigung müssen Studenten deshalb darstellen, wo und in welcher Weise sich die Durchführung des Studiums und/oder der Prüfungen infolge ihrer Beeinträchtigung oder Behinderung erschwert. Nur konkrete Teilhabe-Defizite können kompensiert werden.

 

Studenten, die Nachteilsausgleiche in Prüfungssituationen benötigen, sollten sich rechtzeitig vor der Prüfung mit dem zuständigen Prüfungsausschuss/Prüfungsamt, dem Prüfer oder der Prüferin in Verbindung setzen, um die Formalitäten zu klären. Dies gilt insbesondere, wenn die entsprechende Prüfungsordnung noch keine Prüfungs- und Stu­dienmodifikationen vorsieht. Das Recht auf Nachteilsausgleich bleibt davon aber unberührt.

 

Geht es um die Modifikation von Studienbedingungen, zum Beispiel die Verabredung eines individuellen Studienplans oder die Verlegung eines Praktikums, muss vorab geprüft werden, wer im Einzelfall für die Bewilligung dieser nachteilsausgleichenden Maßnah­men zuständig ist.

 

Beantragung und Gewährung von Nachteilsausgleichen in Prüfungen und bei Ab­schlussarbeiten erfolgen in der Regel als Verwaltungsakt. Studierende stellen den Antrag auf Nachteilsausgleich schriftlich beim Prüfungsausschuss oder Prüfungsamt oder anderen dafür bestimmte Stellen. Gegen eine Ablehnung kann Widerspruch eingelegt werden. Bei der Antragstellung sind Fristen einzuhalten, die vor Ort erfragt werden müssen. Wenn allerdings prüfungsrelevante Einschränkungen kurzfristig und unvorhergesehen vor einer Prüfung oder während einer Abschlussarbeit auftreten, können und müssen Nachteilsausgleiche – sofern organisatorisch möglich – auch kurzfristig bewilligt werden.

Der Antrag auf Nachteilsausgleich ist in der Regel formlos zu stellen. Im Antrag müssen Studierende die gewünschten Prüfungsmodifi­kationen benennen und deren Erforderlichkeit begründen. Außerdem müssen sie die gesundheitliche Beeinträchtigung und deren konkrete prüfungsrelevante Auswirkungen durch geeignete Nachweise belegen. Dafür eignen sich insbesondere ein oder mehrere der folgenden Belege:

 

  • Atteste von (Fach-)Ärzten, ggf. auch Stellungnahmen von approbierten psychologischen Psychotherapeuten
  • Behandlungsberichte von Krankenhaus- und Reha-Aufenthalten
  • Stellungnahmen von Reha-Trägern oder Bewilligungsbescheide von Trägern der Eingliederungshilfe,
  • Schwerbehindertenausweis bzw. Feststellungsbescheid des Versorgungsamtes,
  • Stellungnahme der oder des Behindertenbeauftragten der Hochschule.

 

Allerdings gilt auch: Nicht alle studienrelevanten Auswirkungen einer gesundheitlichen Beeinträchtigung können durch Nachteilsausgleiche kompensiert werden. Studenten müssen grund­sätzlich in der Lage sein, die in den jeweiligen Prüfungsordnungen geforderten Kom­petenzen zu erwerben und diese Kenntnisse durch Prüfungen nachzuweisen. Das bedeutet: Form und Bedingungen des Erwerbs dieser Fähigkeiten sowie der Leistungsnachweise können unter bestimmten Voraussetzungen modifiziert werden, die Leistungsziele selbst sind dagegen zu erfüllen. 

Sonderregeln bei NC-Studiengängen

 

In bundesweit zulassungsbeschränkten, also mit einem Numerus Clausus (NC) bedachten Studiengängen werden die Studienplätze über das Bewerbungsportal www.hochschulstart.de der Stiftung für Hochschulzulassung vergeben. Bewerber mit einem Handicap können in dem dort angebotenen Bewerbungsverfahren folgende Sonderanträge stellen: 

 

·       Antrag auf Nachteilsausgleich (Verbesserung der Durchschnittsnote)
Dieser Antrag kommt in Betracht, wenn die Abiturnote behinderungsbedingt schlechter ausgefallen ist als sie ohne Behinderung ausgefallen wäre. Dem Antrag sind beglaubigte Kopien der Schulzeugnisse und ein detailliertes Gutachten der Schule beizufügen, das deutlich machen muss, inwiefern sich die Behinderung auf die Verschlechterung der Abiturnote ausgewirkt hat.

 

·       Härtefallantrag (sofortige Zulassung zum Studium)
Das Internetportal www.hochschulstart.de reserviert bis zu 2 Prozent der verwalteten Studienplätze für sogenannte Härtefälle, in denen eine sofortige Zulassung zum Studium erforderlich ist. Neben verschiedenen anderen Gründen kann ein Härtefall auch aufgrund einer Krankheit oder Behinderung vorliegen. Als Beleg ist ein fachärztliches Gutachten oder ein anderer gleichwertiger Beleg einzureichen.

Nachteilsausgleiche können aber auch beantragt werden, wenn die Hochschule beeinträchtigen oder chronisch kranken Studenten mehr Zeit für Studien- und Prüfungsleistungen wie Klausuren, Haus- oder Abschlussarbeiten einräumt oder die Möglichkeit gewährt, nach einem individuellen Studienplan zu studieren, die Bedingungen für Prüfungen zu verändern oder Praktika zu verlegen. Um einen Nachteilsausgleich handelt es sich aber auch, Hilfsmittel, Assistenzleistungen oder einem hörbehinderten Studenten einen Gebärdensprachdolmetscher in einer Prüfung zur Verfügung zu stellen.

Alle Sonderanträge müssen mit dem Antrag auf Zuteilung eines Studienplatzes zusammen bis zum Ablauf der Bewerbungsfrist (siehe Studium / Bewerbung) abgegeben werden. Dem Antrag sind stets Belege beizufügen, Kopien müssen beglaubigt sein.

Finanzierung

Studenten mit Behinderungen und chronischen Krankheiten haben neben den üblichen Fragen zur Studienfinanzierung sehr häufig noch zusätzliche Finanzierungsfragen zu klären. Das ist insbesondere der Fall, wenn Studenten aufgrund ihrer Beeinträchtigung

  • regelmäßig zusätzliche Kosten haben
  • für längere Zeit das Studium unterbrechen müssen
  • länger studieren
  • später mit dem Studium beginnen
  • nicht jobben können
  • keine finanziellen Rücklagen bilden können.

Eine Studienfinanzierung aus einer Hand gibt es nicht. Eine Reihe verschiedener Kostenträger übernimmt die Finanzierung des üblichen Lebensunterhalts und der behinderungsbedingten Mehrbedarfe. Es ist nicht immer einfach zu klären, wer für die Finanzierung zuständig ist. Beteiligte Kostenträger sind insbesondere: die BAföG-Ämter, die örtlichen und überörtlichen Sozialhilfeträger, die Träger der Grundsicherung für Arbeitssuchende und die Kranken- und Pflegekassen. Studium und allgemeiner Lebensunterhalt

Auch für Studenten mit Beeinträchtigungen gilt: Die üblichen Ausbildungs- und Lebensunterhaltskosten sind zuerst durch Vermögen und Einnahmen der Studierenden oder ihrer unterhaltspflichtigen Angehörigen zu decken. Wenn die Eigenmittel nicht reichen, können sie BAföG beantragen. Deshalb sind Studenten von anderen unterhaltssichernden Sozialleistungen bis auf wenige Ausnahmen ausgeschlossen.  Stipendien oder Kredite sind andere Finanzierungsalternativen

Das BAföG deckt aber nur die üblichen Unterhaltskosten. Beeinträchtigungsbedingte Mehrkosten, die regelmäßig etwa für Hygieneartikel oder Therapien anfallen und nicht von der Krankenkasse übernommen werden, sind im BAföG nicht vorgesehen. Deshalb können Studenten, die die Kosten nicht selber tragen können, diese Mehrbedarfe als Leistung beim Jobcenter beantragen. Dies gilt auch für jene, die im Studium auf technische Hilfsmittel, Studienassistenzen oder Gebärdensprachdolmetscher angewiesen sind, dafür aber nicht selbst aufkommen können. Allerdings: Manche Hilfsmittel finanzieren die Krankenkassen.

Wenn Studenten auf Pflege und Assistenz angewiesen sind, erhalten sie Leistungen der Pflegeversicherung. Wenn die Mittel die Kosten nicht decken, kann zusätzlich Hilfe zur Pflege beantragen werden; Landespflege- und Landesblindengeld ergänzen diese Leistungen.

Diese Informationen können eine individuelle rechtliche Beratung vor Ort aber nicht ersetzen. Die BAföG-Ämter sowie die Sozialberatungs- und Studienfinanzierungsberatungsstellen der Studentenwerke können bei Fragen zur Studienfinanzierung an staatlichen Hochschulen weiterhelfen. Private Hochschulen haben eigene Ansprechpartner zur Finanzierungs- oder Förderungsberatung, zusätzlich beraten die zuständigen BAföG-Ämter in Bezug auf lebensunterhaltssichernde Maßnahmen.

Promotion mit Handicap

 

Wer mit einem Handicap studieren kann, der kann mit einem Handicap auch promovieren. All jenen, die mit Beeinträchtigungen zu kämpfen haben und einen Doktortitel anstreben, ist „PROMI - Promovieren mit Behinderung“ empfohlen, ein vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) gefördertes und von der Universität Köln aus bundesweit koordiniertes Programm zur Förderung hochqualifizierter Nachwuchswissenschaftler mit Behinderung (www.promi.uni-koeln.de). An deutschen Universitäten werden zum Zweck dieser Förderung insgesamt 45 Promotionsstellen bereitgestellt, die – bei einer entsprechenden Eigenbeteiligung der jeweiligen Universität – zu 70 Prozent über das BMAS finanziert werden.

Beratungsstellen

Bei Fragen wenden sich Studenten mit Beeinträchtigungen oder chronischen Krankheiten am besten an folgende Institutionen:

  • Deutsches Studentenwerk (www.studentenwerke.de)
  • die Berufsberater für behinderte Abiturienten und Studenten bei den Agenturen für Arbeit
  • die Studienberatungsstellen der Hochschulen
  • die Beauftragten für Behindertenfragen an den Hochschulen
  • den Allgemeinen Studentenausschuss (AStA).