TEIL 1: Der Übergang von der Schule in den Beruf verändert sich grundlegend
Social Media, politische Unsicherheit weltweit und Künstliche Intelligenz, die ganze Branchen verändert – und sogar Debatten über Wehrdienst oder ein Pflichtjahr wirken plötzlich in Entscheidungen hinein, die früher deutlich klarer schienen. Die neue Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026“ zeigt: Jugendliche ticken heute nicht grundsätzlich anders – aber sie entscheiden unter völlig anderen Bedingungen.
Kennengelernt haben sich Simon Schnetzer und Monika Uhl auf dem Ausbildungskompass Kongress. Simon war dort als Keynote Speaker eingeladen, Monika hatte über 250 Lehrkräfte und Unternehmer zusammengebracht, die sich gemeinsam der Frage widmeten, wie sich das Image der Ausbildung nachhaltig verbessern lässt. Schnell wurde deutlich: Beide arbeiten intensiv mit Jugendlichen – aus unterschiedlichen Perspektiven, aber mit einem gemeinsamen Ziel. Aus dem Austausch zwischen Simon Schnetzer und Monika Uhl entstand später auch der Online-Kurs „Wie du der beste Arbeitgeber für junge Menschen wirst“. Darin zeigen beide praxisnah, wie Unternehmen die Generation Z und Alpha besser verstehen und langfristig für sich gewinnen können.
Simon Schnetzer ist einer der profiliertesten Jugendforscher im deutschsprachigen Raum. Er wird regelmäßig von Medien wie ARD und ZDF oder von Unternehmen wie dm, Kärcher oder Sparkassen als Experte und Leadership-Coach hinzugezogen, wenn es um die junge Generation in der Arbeitswelt und ein gutes Miteinander in altersgemischten Teams geht. Seine Studien gelten als Pflichtlektüre für alle, die mit Jugendlichen arbeiten. Auch die aktuelle Studie geht in die Tiefe – und liefert ein differenziertes Bild davon, was junge Menschen heute bewegt, was sie verunsichert und was sie wirklich brauchen.
Im Gespräch mit Monika Uhl vom Ausbildungskompass erklärt Simon Schnetzer, warum viele Unternehmen Jugendliche zu spät erreichen – und was sich jetzt ändern muss.
Monika Uhl:
Simon, wenn man sich gerade umhört, hat man fast das Gefühl: Alle suchen Nachwuchs – und gleichzeitig erreichen viele Betriebe Jugendliche gar nicht mehr richtig.
Was läuft da gerade schief?
Simon Schnetzer:
Ich glaube, wir unterschätzen gerade, wie sehr sich der Kontext verändert hat.
Jugendliche sind nicht plötzlich schwieriger geworden. Aber sie treffen ihre Entscheidungen heute in einer Welt, die deutlich unsicherer geworden ist. Wir lesen täglich in den Medien von großen Unternehmen, die massenhaft Mitarbeitende entlassen und dass Geschäftsaufgaben auf einem Höchststand sind. Diese doppelte Verunsicherung der mangelnden Orientierung und der Unsicherheit am Arbeitsmarkt sehen wir deutlich: Junge Menschen sind persönlich oft noch optimistisch – aber wenn es um Gesellschaft, Politik oder die wirtschaftliche Zukunft geht, ist ihre Stimmung deutlich skeptischer.
Monika Uhl:
Das finde ich spannend – weil es eigentlich heißt: Die Jugendlichen sind gar nicht das Problem.
Wir sehen das auch sehr konkret in unseren Daten. Innerhalb weniger Wochen hatten sich bereits fünfstellige Schülerzahlen durch unser System navigiert – und man erkennt schnell: Orientierung beginnt deutlich früher und läuft ganz anders ab, als viele Unternehmen annehmen.
Simon Schnetzer:
Genau. Viele wollen arbeiten, sich entwickeln, etwas aufbauen. Aber sie fragen sich gleichzeitig: „Funktioniert das überhaupt noch so, wie ich mir das vorstelle?“ Auch ihre Eltern sind oft ratlos, was sie in den Zeiten dieser extremen Umbrüche mit KI noch raten sollen. Sehr klar zeichnet sich eine Veränderung bei der Empfehlung Studium versus Ausbildung ab. Ein Studium ist nicht mehr die klare Präferenz, sicher geglaubte Berufsfelder in der KI-Transformation wie Handwerk oder Pflege gewinnen stark an Attraktivität und viele, die ein Studium angefangen haben, brechen aufgrund ihrer Zweifel ab und fangen eine praxisorientierte Ausbildung an. Gut läuft es im Moment besonders in den Bereichen, in denen junge Menschen schnell mit der Praxis in Berührung kommen und konkret erleben, wie sie einen Mehrwert stiften können.
Monika Uhl:
Wir sehen in der Praxis oft: Unternehmen kommen eigentlich viel zu spät ins Spiel. Also erst dann, wenn Jugendliche schon entschieden haben – oder innerlich schon raus sind. Passt das zu euren Ergebnissen?
Simon Schnetzer:
Ja, absolut. Ein ganz wichtiger Punkt aus der Studie ist: Schüler:innen orientieren sich ganz anders als viele denken – wir können nicht von den Gen-Z-Daten auf das aktuelle Schülerverhalten schließen. Bei den 15- bis 16-Jährigen geht es nicht zuerst um Jobportale oder Stellenanzeigen. Da geht es um Praktika und um persönliche Gespräche, um das, was Eltern oder Bekannte sagen. Das heißt: Orientierung passiert viel früher – und viel persönlicher.
Monika Uhl:
Das heißt im Klartext: Unternehmen verlieren Jugendliche nicht im Bewerbungsgespräch – sondern lange davor?
Simon Schnetzer:
Ganz oft ja. Viele Unternehmen denken in Recruiting-Prozessen. Jugendliche entscheiden aber schon vorher, welche Wege sich überhaupt „richtig“ anfühlen. Wenn man als Unternehmen oder Region in dieser Gleichung nicht vorkommt, ist man später gar nicht mehr im Rennen.
Monika Uhl:
Und was wir sehen: Lehrkräfte spielen dabei eine viel größere Rolle, als oft angenommen wird.
Mit unserem digitalen Lehrkräfte-Cockpit sehen Lehrerinnen und Lehrer in der Berufsorientierung inzwischen sehr genau, wo einzelne Schüler:innen gerade stehen – und können diese ganz gezielt unterstützen. Das verändert die Dynamik komplett und reduziert den Betreuungsaufwand von Lehrkräften für eine Schulklasse auf ein überschaubares Maß. Wenn ich dir zuhöre, klingt das fast so, als läge das Problem gar nicht bei den Jugendlichen – sondern eher am System drumherum. Wir investieren ja viel in Berufsorientierung. Aber sind wir da vielleicht einfach zu spät dran?
Simon Schnetzer:
Ich glaube, wir setzen oft am falschen Punkt an. Viele Angebote gehen davon aus:
„Wenn Jugendliche genug Informationen haben, entscheiden sie sich schon richtig.“ Aber so funktioniert das nicht. Jugendliche brauchen nicht nur Informationen – sie brauchen Orientierung. Und die entsteht durch Erlebnisse, durch Vertrauen, durch echte Einblicke.
Im zweiten Teil der Interview-Serie zur Berufsorientierung von Jugendlichen gehen Monika Uhl und Simon Schnetzer auf die Bedeutung von Praktika sowie die Einflüsse von Social Media und Künstliche Intelligenz ein
Tipp
Ein Tipp für alle, die junge Menschen nicht nur erreichen, sondern langfristig für Ausbildung und Unternehmen begeistern möchten: Gemeinsam mit Jugendforscher Simon Schnetzer hat Monika Uhl den Online-Kurs „Wie du der beste Arbeitgeber für junge Menschen wirst“ entwickelt. Der Kurs vermittelt praxisnah, wie Unternehmen die Generation Z und Alpha besser verstehen, passende Rahmenbedingungen schaffen und junge Talente nachhaltig gewinnen und binden können.

