TEIL 2: Orientierung braucht die Offenheit für Praktika
Social Media, politische Unsicherheit weltweit und Künstliche Intelligenz, die ganze Branchen verändert – und sogar Debatten über Wehrdienst oder ein Pflichtjahr wirken plötzlich in Entscheidungen hinein, die früher deutlich klarer schienen. Die neue Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026“ zeigt: Jugendliche ticken heute nicht grundsätzlich anders – aber sie entscheiden unter völlig anderen Bedingungen.
Junge Menschen haben keinen Mangel an Informationen. Sie ertrinken förmlich darin und eine ihrer größten Ängste ist: eine falsche Entscheidung zu treffen. Was hilft, damit junge Menschen sich orientiert fühlen und mit gutem Gewissen Ihre Entscheidung für die Zukunft treffen? Welche Rollen spielen Social Media und Künstliche Intelligenz? Wie hilfreich sind Praktika bei der Berufsfindung?
Monika Uhl:
Wir arbeiten täglich mit Jugendlichen, Lehrkräften und Arbeitgebern zusammen und erfahren von den unmittelbaren Folgen, wenn junge Menschen planlos sind oder im falschen Beruf landen: Viele brechen ab, weil es doch nicht das Richtige ist, viele schaffen den Übergang gar nicht, weil sie wie paralysiert sind. Was sind deine Erfahrungen als Jugendforscher?
Simon Schnetzer:
In der Jugendforschung sehen wir deutlich, wie wichtig der individuelle Blick auf den/die Einzelne:n ist. Für 15- bis 16-Jährige zählen ein Praktikum und der Rat der Eltern enorm viel in der beruflichen Orientierung. Mit zunehmendem Alter und Verschiebung der Lebensphasen - sprich Arbeitserfahrung, Auszug aus dem Elternhaus und prägende Peergroup - verschiebt sich das zu den Freunden und zu Online-Informationsangeboten. Sowohl in unserer Trendstudie als auch in Jugendworkshops fordern junge Menschen ganz grundsätzlich, dass sie mehr Praktika machen und Einblicke in mehr Betriebe gewinnen, weil sie merken, dass ihnen ein Pflichtpraktikum nicht reicht, um nach dem Ausschlusskriterium zu entscheiden. Wie seht ihr das?
Monika Uhl:
Jugendliche brauchen nicht noch mehr Informationen – sie brauchen echte Erfahrungen. Und zwar früh. Und genau deshalb funktioniert Berufsorientierung auch nicht mehr nach dem Prinzip „one size fits all“. Wir sehen zum Beispiel, dass unsere Plattform mittlerweile mehrsprachig genutzt wird – weil Orientierung auch eine Frage von Zugang und Verständnis ist.
Simon Schnetzer:
Genau das ist der Hebel: Zugänglichkeit für die unterschiedlichen Typen und Hintergründe der jungen Generation und früher erleben.
Praktika sind oft der Moment, in dem aus einer vagen Idee plötzlich etwas Greifbares wird. Jugendliche merken: „So fühlt sich das also an.“ Und genau dieses Gefühl ist entscheidend. Umgekehrt aber genauso. Wenn es sich schlecht anfühlt oder langweilig ist, dann ist der Arbeitgeber klar ausgeschieden.
Monika Uhl:
Dann wäre es ja eigentlich ein Fehler, wenn Unternehmen erst im Recruiting sichtbar werden.
Simon Schnetzer:
Ja, das kann man so sagen. Dann kommt man oft einfach zu spät.
Monika Uhl:
An diesem Punkt haben wir mit der Entwicklung unseres Praktikumskompass angesetzt. Dieser ermöglicht den Jugendlichen, frühzeitiger und mehr praktische Erfahrungen zu sammeln, zum Beispiel auch in den Schulferien.
Social Media – unterschätzt oder überschätzt?
Monika Uhl:
Viele Unternehmen setzen ja gerade stark auf Social Media. Aber eure Studie zeigt auch: Das ist nicht nur Chance, sondern auch Belastung. Was bedeutet das für die Ansprache?
Simon Schnetzer:
Unternehmen haben mit der Kommunikation auf Social Media gute Chancen, Interessierte zu erreichen. Gleichzeitig besteht jedoch auch die Gefahr der informativen Überfrachtung. Social Media ist natürlich ein zentraler Kanal, um sich zu informieren und mit Freunden im Austausch zu sein. Aber gleichzeitig sagen viele Jugendliche: „Das stresst mich. Das tut mir nicht gut.“ Das heißt: Unternehmen treffen dort auf eine Zielgruppe, die zwar erreichbar ist – aber nicht unbedingt offen.
Monika Uhl:
Das heißt, mehr Content ist nicht automatisch besser? Das deckt sich auch mit dem, was wir sehen. Viele Jugendliche sind zwar ständig online – aber echte Orientierung passiert oft erst dann, wenn sie etwas konkret erleben oder einordnen können.
Simon Schnetzer:
Genau. Es geht weniger um „mehr“, sondern um „echter“ und glaubwürdiger. Weniger Hochglanz, mehr Realität. Sonst geht man einfach im Strom unter. Und genau deswegen ist der richtige Mix aus digitalem Marketing und unverbindlichen Vernetzungsangeboten im Real Life so wichtig. Ausbildungsmessen sind alles andere als tot, doch Betriebe müssen lernen, die Gelegenheit der Begegnung besser zu nutzen und zu konvertieren.
Künstliche Intelligenz – unterschätzter Gamechanger
Monika Uhl:
Ein Thema, das mich persönlich überrascht hat: KI. Viele denken dabei an die Zukunft der Arbeit. Aber ihr zeigt: Das verändert schon jetzt Schule und Lernen.
Simon Schnetzer:
Ja, und das ist wirklich erschreckend und spannend zugleich. Viele Jugendliche nutzen KI schon ganz selbstverständlich – zum Schreiben, Lernen, Strukturieren. Aber gleichzeitig entsteht auch Unsicherheit: „Was kann ich eigentlich noch selbst?“ und “Wie sehr verkümmert mein Denkvermögen durch die Nutzung von KI?”. Das verändert das Selbstbild junger Menschen fundamental – und damit auch ihren Einstieg in den Beruf.
Monika Uhl:
Das heißt, Unternehmen bekommen Bewerber:innen, die ganz anders gelernt haben als noch vor ein paar Jahren?
Simon Schnetzer:
Genau. Und diese Fragen werden wichtiger: Wie denken diese jungen Menschen? Wie kompetent sind sie im Umgang mit KI? Wie lösen sie Probleme? Die alleinstehende Frage danach, was sie können, greift mittlerweile viel zu kurz.
Im dritten und finalen Teil der Interview-Serie zur Berufsorientierung von Jugendlichen gehen Monika Uhl und Simon Schnetzer auf die Rolle der Politik ein und diskutieren überraschende Ergebnisse aus Simons Studie
Tipp
Ein Tipp für alle, die junge Menschen nicht nur erreichen, sondern langfristig für Ausbildung und Unternehmen begeistern möchten: Gemeinsam mit Jugendforscher Simon Schnetzer hat Monika Uhl den Online-Kurs „Wie du der beste Arbeitgeber für junge Menschen wirst“ entwickelt. Der Kurs vermittelt praxisnah, wie Unternehmen die Generation Z und Alpha besser verstehen, passende Rahmenbedingungen schaffen und junge Talente nachhaltig gewinnen und binden können.

